`Pygmäen`-Land (Teil IV): Verdrängte `Negritos` und `Veddoide` – Südostasiens Erstbesiedler

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Forschern zufolge stammen die `Negrito`-Völker von australoid-melaniden Siedlern[1] Austronesiens[2] ab oder bilden eine frühe Abspaltung von den ersten Afrikanern, die entlang dieser südlichen Küstenstraße aus Afrika schließlich als erste Menschen Indien und die Andamanen besiedelten, sowie sich nach Südostasien und Ozeanien ausbreiteten. Aber es gibt Uneinigkeiten über diese Zuordnung. Raghavan & Bulbeck et al. (2013) zeigen, dass die einheimischen Südasiaten, einschließlich der Vedda [3] eine eigenständige Gruppe bilden und nicht Teil der “Australoid“-Gruppe sind. – Südostasien hat in seiner Frühgeschichte drei große Einwanderungswellen erlebt, wie DNA-Vergleiche enthüllten. Im Gegensatz zu Europa vermischten sich die Gene dieser prähistorischen Immigranten aber nur zum Teil und dieses spiegelt sich bis heute im genetischen Erbe dieser Menschen wider. Schädelfragmente aus Laos belegen die Anwesenheit moderner Menschen seit 63.000 Jahren. Diese Menschen waren Jäger und Sammler. Erst vor 4.500 Jahren kamen Bodenbauer aus China in die südostasiatische Region. Besonders hier fallen die strukturellen Ungleichnisse der kulturellen Entwicklung auf. Noch heute leben Menschen in der Region, die quasi direkte Nachfahren der drei ursprünglichen Bevölkerungsgruppen sind, darunter Ethnien, die von Jagd und Sammelwirtschaft ihren Unterhalt bestreiten, die heute in Thailand und Malaysia, auf den Philippinen und den Andamanen leben: `Negritos` und `veddoide` Völker.

Die Bezeichnung `Negritos` bedeutet, in Anlehnung an die kraushaarige, dunkelhäutige Bevölkerung Afrikas, spöttisch „kleine Negerlein“. Sie stammt von den spanischen Eroberern der Philippinen, als sie dort in der Inselwelt erstmals diese Menschen sahen. Die Sammelbezeichnung `Negritos` hat sich bei Anthropologen und Ethnografen/Ethnologen durchgesetzt (es existiert auch noch die Bezeichnung `Negrillos`).

Sofern keine Vermischungen mit normalwüchsigen Nachbarvölkern stattgefunden haben „beträgt nach Schebesta die Körpergröße der Semang für Männer kaum über 150 cm, für Frauen wenig über 140 cm. Bei den Semang von Trang-Patalung, ist sie noch etwas kleiner“ (Bernatzik 1939). McAllister (2010) zufolge, weißt das „JC-Virus bei den philippinischen Negritos auf ihren pygmäischen Ursprung in Afrika“ hin. Beiden ist heute gemeinsam: Lebensraumverlust, Kulturvernichtung und Diskriminierung.

Die `veddiden` Ethnien sind vom äußeren Habitus ebenfalls dunkelhäutig, haben jedoch welliges Haar und sind im Durchschnitt etwas größer als `Negritos`. Finkbeiner (1923) gibt für die Männer der Senoi im Durchschnitt 1,52 m (?) an, für die Frauen 1,42 m. Damit sind die Männer gleichgroß wie ihre Vedda-Verwandten[1] auf Sri Lanka (Sharmer 1997). Laut Saller (1930) „gelten sie aber auch als `klein` vom Wuchs (wobei die Veddoiden auf den Inseln i. d. R. kleiner sind als die, die auf dem indischen   Kontinent leben.) und wären folglich `pygmoid`.

Semai (Ethnie der Senoi). Auf dem Foto sieht man, wie klein die Menschen sind. Jef (3. v. l.) zum Vergleich ist ca. 1,70 m groß; Foto: Jef Yangman

Pasaroboi River, Luzon, Philippinen: Nahe dem Äquator mit Regenfällen, die während des Monsuns äußerst ergiebig sind, bei Südostasiens Temperaturen von über 30° Celsius ergeben ein extrem feuchtheißes, schwüles Klima mit üppiger Vegetation; Foto Bernd Wegener

Das früher riesige Verbreitungsareal dieser Urpopulationen reichte vom südlichen Asien bis zu den Inseln der Philippinen und nach Taiwan. So feiert die Volksgruppe der Saisiyat auf Taiwan alle zwei Jahre ein Fest zu Ehren der „kleinen schwarzen Menschen“, die einst dort gelebt haben sollen. Taiwan war während der letzten Kaltzeit vom gegenüberliegenden Festland erreichbar. Die mit vielen Inseln ausgestattete Meerenge Taiwan (bzw. Formosa) Street ist heute keine 150 m tief, sieht man von der kurzen Meeresschlucht vor der Südwestküste ab. Die Ergebnisse der Wanderungen der mt-Haplogruppen sprechen für eine frühe menschliche Besiedlung vor 55.000-30.000 Jahren. Dies gilt neben dem Fest als Hinweis, dass `Negritos` womöglich auch auf Taiwan lebten.

Der ehemalige Lebensraum hatte riesige geografische Ausmaße. Die West-Ost-Ausdehnung betrug über 11.000 km, die Nord-Süd-Ausdehnung etwa 2.700 km.

Schwarzumrandet: Ehemaliges Negrito-Verbreitungsgebiet (nach HELLER 1995)
Anm.: Richtiger ist es aufgrund vorliegender DNA-Studien, das Areal als historisches Verbreitungsgebiet pygmoider Ethnien (`Negritos`
sowie verschiedener Stämme der Vedda, Papua, Melanesier u. Aboriginal) zu betiteln
; Ergänzungen (Rotumrandet): B. Wegener; Weltkarte (Ausschnitt), 2004/ Wikimedia; gemeinfrei

Bei den dunkelhäutigen, kleinwüchsigen Völkern der geo-grafischen Region zwischen den Kontinenten Asien über den indonesischen Archipel bis hin nach North Queensland handelt es sich schon lange um Restpopulationen. Anders als die Urbevölkerung Amerikas oder Australiens sind sie nicht allein der vernichten den Konfrontation mit europäischen Kolonialmächten ausgesetzt gewesen, sondern auch durch asiatische Völker, wie Filipinos oder Malaien, die sich des Lebensraumes der Urvölker bemächtigten.
Vor 4.500 Jahren kamen steinzeitliche Bauern (Austroasiaten, u. a. Vor-fahren der heutigen Khmer) aus Südchina kommend, den südostasiatischen Raum, einschließlich den Westen Indonesiens zu besetzen. Vor über 2.000 Jahren besetzten Vietnamesen (Sino-Tibetaner) das Tal des Roten Flusses (Sông Hồng oder Yuan Jiang). Tibeto-burmesische Völker, wie die Burmesen drangen südwärts ins Tal des Irrawaddy vor. Die Mehrheit der in diesem Staat lebenden zahlreichen Völker ist vor gut zwei Jahr-tausenden aus Zentralchina oder dem Himalaya eingewandert. Sie waren kulturell höher entwickelt und verdrängten dabei die Urbevölkerung. Schließlich dann die Thai, die aus Yunnan vor etwa 1.000-900 Jahren im heutigen Thailand ankamen und dort erste Reiche errichteten. Schon davor hatten sich austronesische Ethnien mit ihrer landwirtschaftlichen Kultur aus Taiwan und dem angrenzenden Festland vor 6.000 Jahren in einem, Jahrtausende währenden Prozess südwärts durch das Südchinesische Meer auf den Wasserweg begeben. Diese Menschen und ihre Sprachen erreichten die Philippinen vor 5.000-4.000 Jahren, Sulawesi ca. 1.000 Jahre später. Auf Malakka und Sumatra trafen sie vor 3.000 Jahren ein. Fußgefasst auf Malakka, setzten sie sich im Südteil der Halbinsel fest und lösten die hier gesprochenen Sprachen teilweise ab. Und es gab zudem Sexualkontakte. Genuntersuchungen zur „Ancestry Component“ zeigen deshalb nach LIPSON at al. (2014) für die philippinischen Aëta eine Negrito Komponente von 75 % und eine Austronesische von 25 % (Agta, Ati sowie Mamanwa sind es jeweils 50 %).

Titelbild: Statt Blätterschurz und Nacktheit im Gebiet feuchtheißer Tropen – Gleichschaltung im „westlichen“ Kleidungsstil: Kinder der Aëta (`Negritos`) auf Luzon; Foto: Harmut Heller/RdN



[1] Hierzu zählen die Ethnien der Papua, Aborigines, `Negritos`, Vedda  und dunkelhäutige dravidisch-sprachige Gruppen im Inneren Indiens

[2] Gemeint ist die ursprüngliche geografische Region (Südthailand / Malaysia, Indonesischer Archipel, Melanesien) – heute: Verbreitung dieser Sprachfamilie, incl. Madagaskar (https://en.m.wikipedia.org/wiki/Austronesian_peoples)

[3] Vedda (Eigenname Wanniyala-Aetto) bedeutet `Jäger` (https://de. wikipedia.org/wiki/Veddas). Singalesische u. tamilische Jäger werden „Wanniya“ genannt und der Begriff wird fälschlicher Weise auf echte Wedda übertragen (UHL1994).