`Pygmäen`-Land (Teil III) – Das dunkle Herz Afrikas heute

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Europas Wissen um die `Pygmäen`

In Europa gab es nie Pygmäen`-Völker. Allerdings wusste in der Antike schon Aristoteles (384-322 BC) von den kleinen Menschen Afrikas. Man kann davon ausgehen, dass der Ursprung dieser Kenntnis bei den alten Ägyptern liegt. Zu Zeit Pharao Pepi II. Neferkare (der ab ca. 2278 BC regierte)13, kamen sie im Zuge einer Expedition in Regionen süd-lich ihres Herrschaftsbereiches in den Besitz eines Pygmäen. Und so verbreitete sich das Wissen über die kleinen Menschen schließlich bis nach Griechenland. Dann erfuhren die Römer davon und von dort kam dann das Wissen ins Mittelalter.

13 https.//en.wikipedia.org/wiki/Pepi_II_Neferkare

Das dunkle Herz Afrikas heute

„Im Kongobecken gibt es zwei verschiedene Völkergruppen: die Batwa – unser Volk – und die Bantu. Die Batwa sind bei uns die Sklaven der Bantu.“ – Es sind Worte aus der Rede von Bola Bobonda vor der Arbeits-gruppe für Indigene Völker der Vereinten Nationen in Genf im Jahr 199514. Seine Worte gelten heute immer noch, denn nichts hat sich daran geändert.
Einst waren die Jagd- und Sammelwirtschaft betreibenden Pygmäen`-Völker Afrikas weit verbreitet. Zu den Rückzugsgebieten, in denen ihre abgedrängten, zersplitterten Restpopulationen bis in die Neuzeit überleben konnten, zählt der Urwald Zentralafrikas. Körperliches Merkmal ist ihre geringe Größe. Diese beträgt z. B. für die Männer der Bambuti (Ostgruppe) durchschnittlich 1,46 m und für ihre Frauen 1,33 m (HIRSCHBERG 1939). Für die Semi-Pygmäen` der West- sowie Südgruppe der Twa sind Messwerte der Männer zwischen >1,5 m …<1,6 m registriert. McALLISTER (2010) nennt einen Durchschnittswert von 1,53 m. Um die Jahrtausendwende wurde die Gesamtzahl auf 150.000-200.000 Personen geschätzt, wobei die Zahl rückläufig ist. Einige Gruppen sind vom Aussterben bedroht. Ethnographisch werden unterschieden:

  • Ostgruppe im Ituri-Regenwald Mbuti/Ba-Mbuti
  • Westgruppe: Mbenga/Ba-Mbenga
  • Zentralgruppe: als Twa bezeichnet.
  • Südgruppe: Twa und Cwa (oder Ba-Twa, Ba-Cwa). Die Südgruppen gelten auch als Pygmoide (Pygmiforme)

14 Quelle: Naturvölker Heft Nr. 11, Lauenburg 1995

Allen diesen Ethnien gemeinsam ist der Niedergang ihrer kulturellen Identität, bedingt durch die fortschreitende Zerstörung ihres traditionellen Lebensraums im Regenwald durch Holzeinschlag, Brandrodung und die Verdrängung durch Siedler. Diese Waldvölker werden von den Staaten, in denen sie leben, als minderwertig angesehen. Ihre Menschenrechte werden oft missbraucht.
Ami, eine alte Baka-Frau sagte 2001 zu Steffen Keulig: „Wenn der Wald stirbt, werden wir untergehen. Wir sind das Volk des Waldes.“ Er hatte Ami im Südosten Kameruns getroffen, einst eine der wald- und artenreichsten Regionen Afrikas. Schon damals durchschnitten unzählige Pisten zum Abtransport der tropischen Rundhölzer das Territorium, dass so groß ist wie Hessen. Primärwald gab es kaum noch.

Baka und Raubbau im Regenwald Kameruns Fotos: Steffen Keulig

Die Waldgebiete der BaTwa im östlichen Kongo, Ruanda, Burundi und Uganda sind bereits fast völlig zerstört. Ihre Gruppen sind gezeichnet durch Zerrüttung ihres Sozialgefüges infolge eines unüberlegten Übergangs zur erzwungenen Sesshaftigkeit. Sie vegetieren dort ohne Land, zumeist als Bettler/Tagelöhner in Abhängigkeit von der benachbarten normalwüchsigen Bevölkerung, bei der die Männer als billige Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, die Frauen als Haushaltshilfen Anstellung finden. Diese Abhängigkeit entwickelt sich oft zu Leibeigenschaft am Rande der Gesellschaft, gezeichnet von unhygienischer Lebensweise, Fehl- und Unterernährung, Alkoholmissbrauch, Prostitution, Infektionskrankheiten und hoher Sterblichkeit – die sie als mobile Jäger und Sammler kaum kannten. Die wenigen „Glücklichen“ dürfen Parkwächter/Fährtensucher in den Nationalparks – ihrer einstigen Heimat – sein, um z. B. zahlende Gorilla-Tou-risten zu begleiten. Dazu Steffen Keulig (2010): „Kongo: das heißt Bürgerkrieg, Holzeinschlag und korruptes Militär. Eines der letzten großen Urwaldgebiete in Afrika wird dem Erdboden gleich gemacht. Wir sind im 1970 gegründeten Kahuzi Biéga Nationalpark unterwegs. Der Regenwald hier zählt zu einem der letzten Rückzugsgebiete der Flachlandgorillas im Ost Kongo. Aber der Nationalpark hat auch eine Schattenseite, diskriminierend und menschenverachtend. Die Wälder zwischen den Bergen Kahuzi und Biéga waren einst auch die Heimat der BaTwa-Pygmäen. Ihr materielles wie auch spirituelles Dasein war eingebettet in den Rhythmus der Natur. Seit Jahrtausenden wachten sie über die Wälder, in denen sie in Symbiose mit der Natur lebten. Davon erzählen noch heute ihre Ge-sänge. Ob nun in Uganda, Ruanda oder hier im Kongo, überall wurden die Pygmäen ohne eine entsprechende Entschädigung zum Zwecke des Naturschutzes aus ihren Wäldern vertrieben. Heute leben etwa 1.600 BaTwa Pygmäen in mehreren Dörfern östlich des Nationalparks in einer sklavenähnlichen Abhängigkeit zu den Bantu. Nur 20 BaTwa sind als Ranger im Kahuzi Biéga Nationalpark angestellt. Der Rest der 150 Ranger sind Bantu. Der kulturelle Habitus der verschiedenen Kulturen ist auch äußerlich sichtbar. Dort, wo der Nationalpark aufhört, sind die Hügelketten des Mitumba-Gebirges bis auf einen unerheblichen Baumbestand für Weideland und Ackerbau abgeholzt worden. Entwicklung nennt man das im Kongo. Für die BaTwa war dies die Vertreibung aus ihrem Paradies.“ – daran hat sich bis heute nichts geändert.

Sehr negativ bei der Vertreibung aus Nationalparken trat der Worldwide Fund for Nature (WWF)15 in Erscheinung. Aus Nationalparken unter Mitwirkung des WWF vertriebene Pygmäen-Ethnien:

  • Kahuzi-Biega NP (Dem. Rep. Kongo): Barhwa (zu Batwa-Ethnie)
  • Maiko NP (Dem. Rep. Kongo): Bambuti
  • NP im Semulikital (Uganda): Ausweisung der `Pygmäen`, u. a. Azabos
    Gruppe, „Übergabe“ an US-amerikanische Mission bzw. Vertreibung
    nach Dem. Rep. Kongo
  • Nyungwe NP (Ruanda): Batwa
  • Dzangha NP (Zentr. Afrik. Rep.): Baka
  • Lobeke NP16 (Kamerun): Baka

Die BaTwa-Pygmäen im Kahuzi Biega Nationalpark wurden Opfer einer zielgerichteten Naturschutzpolitik von Staat, Weltbank, WWF und EU für den „Gorillatourismus“. Mitgemischt bei der Etablierung hat die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und damit Steuergel-der verwendet. Der Park umfasst ca. 6.000 km² und ist UNESCO-Weltnaturerbe.


Albert Kwokwo Barume17 zufolge, waren die Twa – im Gegensatz zu den eingedrungenen bäuerlichen Bantu-Siedlern – keine Bedrohung für Gorillas und Wald. Die Gorillas hatten gar Nutzen von den Twa. Durch die mobile Lebensart der Waldnomaden wurden die Lagerplätze immer wieder verlegt. Hier entwickelte sich anschließend eine Pflanzengesellschaft, in welcher die Gorillas einen großen Teil ihrer Nahrung fanden. Das ist seit der Etablierung der Nationalparke nun vorbei.
Die Twa wurden schließlich mit Militärgewalt vertrieben und in die Verelendung geschickt. 6.000 Pygmäen waren im Osten Kongos betroffen.

Wegen Gorilla-Tourisnus ohne Perspektive: Kinder der Twa am Rande des Kahuzi Biega NP Foto: Steffen Keulig

Es gibt etliche öko-ethnologische und soziologische Erhebungen über Jäger- und Sammlerethnien und ihre Lebensräume. Sie entnehmen ihrer Mitwelt nur das, was sie brauchen. Ihre Bevölkerungszahl ist auf die zur Verfügung stehenden Naturressourcen beschränkt.

15 Der WWF ist die mit Abstand weltweit größte und mächtigste Naturschutzorganisation. Der WWF ist als Stiftung entstanden, nachdem 100 der größten multinationalen Industriekonzerne jeweils eine Millionen US-Dollar steuergünstig gestiftet hatten. Diese Stiftungen war eine Folge der weltweit in den Medien dargestellten Sorge um das Aussterben der Tiger in freier Wildbahn (H. HELLER 1998).

16 Mehrmals wurden nachweislich die Grenzverläufe des Nationalparks korrigiert, um die angrenzenden und wildreicheren Gebiete an Europäer und Amerikaner für die Großwildjagd verpachten zu können (KEULIG 2001).
17 Heading Towards Extinction Indigenous Roghts in Africa: The Case of the Twa, Kopenhagen 2000

Titelbild: Verhülltes Kind der Baka am Rand des Kahuzi Biega NP – wie ein Sinnbild für fehlende Perspektive Foto: Steffen Keulig