`Pygmäen`-Land (Teil II) – Bis ans Ende der Welt: Der lange Weg nach Australien

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Über vier Milliarden Jahre soll unser Planet alt sein. In grauer Vorzeit entstanden Pflanzen, Tiere und die Menschen. Letztere existieren – zählen wir die Tier-Mensch-Übergangsphase hinzu – seit viereinhalb Millionen Jahren. Den überwiegenden Teil dieser Zeit lebten alle Zweige der Gattung Mensch auf der Entwicklungsstufe der Jagd- und Sammelwirtschaft und gehörten somit aus heutiger Sicht zu den Naturvölkern.
Die ersten Hinweise des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) wurden in Afrika gefunden. „Sie entstammen nach molekulargenetischen Analysen einer Zeitepoche vor etwa 200.000-300.000 Jahren. Verschiedene Funde belegen jedoch eine große Variabilität, was von der Existenz einer tief strukturierten menschlichen Population spricht. Diese menschlichen Populationen afrikanischer Herkunft können als Vorfahren der heutigen Menschheit angesehen werden. Die Afrikaner sind keine einheitliche Evolutionsgruppe, sondern ein “Kamm“ eigenständiger Linien, die der nicht-afrikanischen Menschheit unterschiedlich nahestehen“ (BURDA, BAYER, ZRZAVÝ 2014).
Die größte genetische Vielfalt, die für die frühesten modernen Menschen charakteristisch war, zeigen heute die einst bis nach Äthiopien und Somalia verbreiteten sogenannten Buschmann-Völker. Ihre mtDNA5-Stammbäume und die Klicklautsprachen legen eine Verbindung zu den frühesten menschlichen Vorfahren nahe. Sie gehören mit den Pygmäen zu den Altvölkern6. Diese noch existierenden ältesten Völker der Erde stehen der Wiege der Menschheit folglich am nächsten. Sie weisen DNA-Abschnitte auf, die 750.000 Jahre alt sind.
Diese Gruppen moderner Menschen drangen langsam in unbekannte Gebiete vor. Gründe für die Auswanderung aus Afrika mögen verschiedene Ursachen, wie Klimaveränderungen, Druck auf Ressourcen, Konflikte etc. gewesen sein. „Ostafrika litt vor 135.000-90.000 Jahren unter extremen Trockenperioden. Das extreme Klima habe zur Aufteilung der Menschen in kleine, voneinander isoliert lebende Gruppen geführt“ (BEHAR 2008).

5 Fachsprachlich wird als mitochondriale DNA (mtDNA), die doppelsträngige, zumeist zirkuläre DNA im Inneren (Matrix) der Mitochondrien (enthält eigene Erbsubstanz) bezeichnet (https://de.wikipedia.org/wiki/Mitochondriale_DNA).
6 Dazu gehören auch die Negritos sowie australoide (veddide) Völker Südasiens, Australiens und Ozeaniens.

Die Karte zu Forschungsergebnissen der Wanderung von mt-Haplogruppen7 (mütterliche Linie) zeigt für die Epoche vor 90.000-55.000 Jahre ein Hinüberwechseln von Menschen aus dem Gebiet “Äthiopien“ über die heute im Durchschnitt 186 m tiefe Meerenge Bab-el-Mandeb zur Arabischen Halbinsel. Diese Zeitspanne liegt innerhalb der letzten Kaltzeit, die (mit Unterbrechungen durch Warmzeiten) vor ca. 115.000 Jahren begann. Damit verbunden war ein Absinken des Meeresspiegels und ein (wenn auch nicht völliges) Trockenfallen des Bab-el-Mandeb. Im benachbarten Südwestasien zeigen Relikte von Seeablagerungen, dass das Klima nicht so wüstenhaft wie heute und die Landschaft savannenartig war. Die zweite wichtige Schiene sind archäologische Funde dieser Wanderbewegung. Für den Nahen Osten sind diese ca. 100.000 Jahre alt, in In-dien ca. 70.000 Jahre und im weitentfernten Tasmanien noch etwa 30.000 Jahre. Dieser Ausbreitung über Indien, Südostasien bis Australien förderlich war die letzte Eiszeit im Pleistozän, die vor etwa 11.700 Jahren endete. Der Meeresspiegel lag global bis zu 125 m tiefer als heute, so dass die Urvölker des austral-pazifischen Raumes fast „trockenen Fußes“ ihren neuen Lebensraum erreichten.
Trotzdem wirft es Fragen auf, denn die Landverbindung zwischen den Kontinenten Asien und Australien war an bestimmten Stellen deutlich weiter unterbrochen, als durch die des Bab-el-Mandeb. Dazu KONDRATOW (1974): „Wie ist aber die Tatsache zu erklären, dass auf den Inseln der Philippinen, insbesondere Luzon, kleine dunkelhäutige Menschlein wohnen, der Volksstamm der Aëta lebt, deren Mitglieder … weder eine Vorstellung von der Seefahrt … haben? Und es gibt sie auch auf den Andamanen im Indischen Ozean, in Ozeanien – auf Neuguinea, auf den Neuen Hebriden (Vanuatu – d. Verf.), … Die vernünftigste Vermutung wird sein, dass sie … übersiedelten, als noch Landbrücken existierten … in Gestalt einer Kette nah beieinander liegender Inseln.“
Hierzu gehören die Inseln in der Wallacea8 – von wo über zwei sich anbietenden Routen die Besiedlung Großaustraliens9 möglich wurde. Die nördliche ging vom heutigen Borneo, dass vor etwa 53.000 Jahren sowie vor 35.000 Jahren Teil des südostasiatischen Festlandes war, über den Wasserweg nach Sulawesi, den Molukken und endete an den Küsten Neuguineas, das mit Australien eine Landmasse bildete. Der südliche Weg führte über die Kleinen Sundainseln und Timur ins nordwestliche Australien, das damals wesentlich weiter als heute nach Westen reichte. Auf beiden Wegen waren noch bis zu 90 km offene See zu überwinden. Auch wenn es sich anbot, mittels primitiver Boote oder Flöße die Meeren-gen zu überwinden, dürfte die Besiedlung Großaustraliens eher zufällig passiert sein. Zu den Philippinen waren nur ca. 30-40 km (Sibutu-Passage bzw. Mindoro Strait) zu überwinden. Mit dem Meeresspiegelanstieg vor ca.18.000 (verstärkt zw. 14.000-8.000) Jahren versanken große Teile von Sunda, ebenso wie Flächen von Sahul10. Übrig blieben von Sundaland zahlreiche Inseln, darunter Borneo, Sumatra, Java, Palawan sowie die Halbinsel Malakka. Sahul zerfiel in Australien, Tasmanien, Neuguinea und weitere Inseln.

7 Gruppe von Haplotypen, die spezifische Positionen auf einem Chromosom innehaben (Y-DNA), mtDNA): https://de.wikipedia.org/wiki/Haplogruppe 8 Nach dem Forscher/Mitbegründer der Evolutionstheorie Alfred R. Wallace benannte Region, die frühe Hominiden/Säugetiere abhielt von Asien zum Sahul-Kontinent zu wechseln bzw. für Säugetiere auch umgekehrt.

8 Nach dem Forscher/Mitbegründer der Evolutionstheorie Alfred R. Wallace benannte Region, die frühe Hominiden/Säugetiere abhielt von Asien zum Sahul-Kontinent zu wechseln bzw. für Säugetiere auch umgekehrt.

Zu jenen Gruppen dieser Jäger- und Sammlerkulturen, die den Weg ins südliche Asien und nach Großaustralien fanden, waren die Vorfahren der Altvölker. „Genomische Untersuchungen legen nahe, dass es sich bei den „australoiden“ Populationen in Süd- und Südostasien um “Reste“ der sogenannten Negriten (Semang11 sowie Agta, Aëta und Mamanwa) handelt, die als voneinander isolierte, zwischen der australisch-neuguineischen und der ostasiatischen Gruppe verteilte Linien zu sehen sind“ (BURDA, BAYER, ZRZAVÝ 2014). Die mit DNA-Untersuchungen gewonnenen Stammbäume bestätigen die Wanderungsbewegung durch Südasien in Richtung Australien. Sogenannte Negritos, die heute in isolierten Gegenden Südasiens – etwa auf den Andamanen Inseln – leben, sind deren unmittelbare Nachfahren. Damit hat die archaische Vielfalt auf den südostasiatischen Inseln und in Neuguinea viel länger Bestand gehabt, als anderswo auf der Erde. Die Ergebnisse unterstützen auch, dass es sich bei diesen Populationen um die Nachfahren der Menschen handelt, die einer uralten südlichen Migrationsroute aus Afrika heraus gefolgt waren, während andere Populationen die Region erst später über eine andere Migrationsroute besiedelten. Für die Vorfahren der Senoi endete ihre Reise in Malakka. Andere dieser veddoiden Gruppen12 drangen weiter in Richtung Großaustralien vor.

9 Auch als Sahul oder Meganesien bezeichnet; es umfasste Australien, Tasmanien, Neuguinea, die Aru-Inseln und große Teile der damals trockenen Arafurasee

10 https://de.wikipedia.org/wiki/Sahul
11 Der Begriff ‚Semang‘ wurde nie zufriedenstellend geklärt

.12 Heutige geografische Verbreitung: Waldgebiete Indiens, (lichte) Dschungel Sri Lanka, Malaysia (Halbinsel Malakka), Indonesien

Literatur:

Burda, H./ Bayer, P./ Zrzavý, J.: Humanbiologie, Stuttgart 2014

Behar, D.: Menschheit vor 70.000 Jahren fast ausgelöscht, in: https://www.welt.de/wissenschaft/article1938089/…

Titelfoto: Angehöriger der negritoiden Kintak (Semang); Foto: Hartmut Heller /RdN