Von Paraguays Guaycurú-Sprachen überlebte nur die der Toba – alle anderen sind erloschen …

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Die Heimat der Völker der Guaycurú-Sprachfamilie auf paraguayischem Gebiet ist der Feuchte Chaco. Diese Ökoregion profitiert – im Gegensatz zum Trockenen Chaco – von hohen Niederschlagsspenden. Diese bewegen sich zwischen 1250 bis 750 mm pro Jahr von Ost nach West abnehmend. Selbst in der Trockenzeit, die im Juni beginnt und im August endet, ist es nicht wirklich trocken. Die sich gebildete Flora ist ein Mosaik aus Grasland, Palmensavannen, Mooren und Wäldern entlang von Flüssen und Bächen sowie in Flussüberschwemmungsgebieten.

Früheres Emok-/Toba-Stammesland westlich des Rio Paraguay Foto: B. Wegener

In der Kritik am ARTE-Film (s.a. Heft 116) hatte ich die Rinderzucht betreibende Estancia Playada erwähnt, die zwar ökologisch wirtschaftet, aber im beschlagnahmten Stammesland der Emok und Toba errichtet wurde.

Neben der Farm Playada existieren in der Region diverse weitere Estancien.

Rückblick: Die Guaycurú-Völker waren seit dem 17. Jahr-hundert zu eigentlichen Reitervölkern geworden. Sie besaßen auch Schafe als Lieferanten von Wolle fürs Weben. Milch wurde – wie bei anderen Chaco-Ethnien auch – die in den Besitz von Vieh in jener Zeit kamen, nicht genutzt. Ihre Subsistenzwirtschaft beruhte auf Sammeln, Jagen, Fischen sowie dem Betreiben kleiner Pflanzungen. Sie beherrschten in gewissen Umfang Konservierungsmethoden, darunter das Räuchern.

Tobá (Ethnie der Guaycurú) vor ihren Zelten nahe dem Rio Pilcomayo Foto: Wissenschaftliche Expedition 1892/ Wikipedia; gemeinfrei

Auf dem Gebiet des heutigen Paraguay haben es die Chaco-Völker verstanden, sich von der frühen Kolonialzeit an bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gegen die Invasion der spanischen Eindringlinge zu wehren. Be-sonders die berittenen Guaycurú waren wehrhafte Gegner der Conquista. Die Völker dieser Sprachfamilie hatten den kolonisierenden Spaniern heftigsten Widerstand seit dem frühen 16. Jahrhundert geleistet. Der Rio Paraguay blieb so im Osten bis weit ins 19. Jahrhundert eine deutliche Grenze zu den zahllosen spanischen Eroberungsversuchen. Auf diese reagierten die Reiterkrieger der Guaycurú mit stetigen Überfällen auf koloniale Sützpunkte und Siedlungen.
Der Priester Anton Huonder vermerkt dazu in seinem Artikel aus dem Jahre 1902 über die Völkergruppierungen im Gran Chaco im 18. Jahrhundert: „Die Guaycurus dehnten ihre mörderischen Streifzüge bis in die unmittelbare Nähe der Hauptstadt (Asunción) aus, plünderten und entvölkerten sämtliche Hazienden und kleinen Weiler, die sich nördlich von Asunción längs der Ufer und in der Nähe des Rio Paraguay fanden.“

Guaycurú-Reiterangriff, 1822 Zeichnung: Debret/ Wikipedia; gemeinfrei

Um den Widerstand der wehrhaften Ureinwohner zu brechen, war jedes Mittel recht. Belegt ist die Tatsache, dass 1759 pockenkranke Einwohner Asuncións in das Lager der Guaycurú geschickt wurden. Die Folgen waren katastrophal. Schließlich waren die Indigenen durch Krankheiten, Kämpfe mit den weißen Eindringlingen und eine immer stärkere Reduzierung ihres Lebensraumes so weit geschwächt, dass der Jahrhunderte währende Widerstandskampf schließlich erlosch (WEGENER 2018).
REGEHR (1979): „Es wurden mehrere Versuche unternommen, die wechselvolle Geschichte der Chaco-Völker seit der Conquista aus kolonialen Quellen, der Jesuitischen Literatur, den Überlieferungen der Lokalgruppen und linguistischen Vergleichen zu rekonstruieren (vergl. Decker-Donner 1962; Kersten 1905; Metraux 1963; Susnik 1971 a, b). So verwickelt die Geschichte im Einzelnen gewesen sein mag, so bildet der paraguayische Chaco nach übereinstimmender Aussage aller Autoren gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer noch einen recht einheitlichen Kulturraum. Die grundlegende Veränderung der kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem Raum begann erst kurz vor der Jahrhundertwende durch das Eindringen des Großgrundbesitzes, der militärische Besetzung des Raumes und die Missionierung der Indianer.“
Im Endeffekt wurden die Völker der Guaycurú-Sprachfamilie auf paraguayischem Territorium – im Gegensatz zu den argentinischen Toba und Pilaga – im heutigen Chaco bis auf Reste aufgerieben oder nach Mato Grosso do Sul in Brasilien abgedrängt.

Kazike der Payaguá, 1862 Französische Lithografie von Simonau & Toovey/ Wikipedia; gemeinfrei

Die meisten der Payaguá-Ethnie starben im 18. Jahrhundert aus. Die wenigen Überlebenden verschwanden in den Slums von Asunción. 1942 schloss die letzte Frau dieses Volkes für immer ihre Augen.

Die Mbayá wurden im 19. Jahrhundert nach Mato Grosso do Sul abgedrängt – wo die letzte ihrer Gruppen als Kadiweu weiterexistiert.
Die Guatatá – die als Einzige mit den Spaniern kooperiert hatten und des-halb auf die östliche Seite des Rio Paraguay bei Asunción gewechselt waren – starben in Folge des Paraguayischen Krieges gegen Argentinien, Brasilien und Uruguay (1864-1870) aus.
Bis in die Neuzeit hatten in Paraguay deshalb nur die Emok und Toba als letzte Angehörige der Guaycurú-Sprachfamilie überlebt, was aber auch für sie nicht folgenlos blieb.
Zwischen 1864 und 1870 war Paraguay in einen verheerenden militärischen Konflikt mit Argentinien, Brasilien und Uruguay eingetreten. Nach anfänglichen Erfolgen erlagen die paraguayischen Truppen jedoch der Übermacht und mussten kapitulieren. Bislang galt der gesamte Boden im Chaco als Staatsbesitz. Im Gefolge der Kriegsauswirkungen begann Paraguay ab 1883-1885 Gesetze zu erlassen, um den in Staatshänden befindlichen Boden an ausländische Unternehmen zu verkaufen. Schon bald darauf, gehörte diesen über 30 Prozent des Staatsgebietes. Primär investierten diese Großgrundbesitzer in der Quebracho-, Mate- und extensiver Rinderzucht zur Fleischproduktion. Damit war das Schicksal der indigenen Territorien besiegelt. Es war ihr Todesstoß, denn von nun an blieb den Indigenen nur noch das ausgebeutete Los als Hilfskräfte / Gelegenheitsarbeiter.

Für Weidezwecke ausgeholzte Palmensavanne Foto: Bernd Wegener

Die Neuzeit: Zur Situation der Emok und Toba teilte REGEHR (1979) folgendes mit: „Die Reste der ehemals starken Guaycurúvölker welche früher ausgedehnte Wohngebiete im Osten des Gran Chaco besaßen, können wir als vierte Sprachfamilie des Chacokulturkomplex zuzählen
Durch das Einschleppen von Infektionskrankheiten (Pocken, Typhus, Grippe, Masern u.s.w.) wurden ganze Lokalgruppen bis zur Auflösung dezimiert. Die Wanderungen zu den Zuckerfabriken am argentinischen Andenrand und zu den Taninfabriken am Rio Paraguay haben große Bevölkerungsverlagerungen über weite Räume hervorgerufen, …. Durch die schrittweise Einengung der Subsistenzgrundlage im Zuge des Eindringens starker exogener Kräfte, brach die indianische Sozialordnung rasch auseinander. …, um schließlich als Arbeitskräfte angezogen zu werden von den Mennonitenkolonien. Dort sind Toba und Lengua in der Siedlung Pozo Amarillo ansässig.
Die im paraguayischen Chaco überlebenden Restgruppen (Toba, Emok) zählen heute nur wenige hundert Personen. Diese Toba und Emok haben auch weitgehend Mascoysprachen (Lengua) angenommen. Sie wohnen in deren Gebiet und haben sich mit ihnen vermischt, bildeten aber jeweils eigene Lokalgruppen1.
Ihre geschichtliche Sozialordnung ist in diesen intensiven Kontakt mit den Nachbarvölkern, vor allem aber infolge der Akkulturation durch die technische Zivilisation wieder verloren gegangen, und es bestehen heute kaum Unterschiede zu den Mascoy- und Matacovölkern.
Die Emok bezeichnen sich als „Emok- l i i l“ – in der Literatur auch als Toba oder Lengua benannt. Die Toba werden in der Literatur auch als Toba-miri oder Frentones.bezeichnet. Die indianische Bevölkerung im paraguayischen Chaco der Emok beträgt 212 Personen (Chase Sardi ca. 1970), die der Toba 911 (Chase Sardi ca. 1970).“
Wolfgang Müller (1984) gibt für die Emoklik (Synonym: Toba-miri) 800 Personen (nach Seelwische in Q 93) an, die in der Umgebung von Puerto Rosario und in Cerrito (San Pedro) im Verwaltungsbezirk Presidente Hayes leben. Die Frauen dieser Gruppe sprechen (das dominante) Enslet, die Männer Toba. Für die Toba nennt er eine Bevölkerung von 1.010 in Paraguay.
Das christlich-orientierte, bibelübersetzende kulturzerstörende Summer Institut of Linguistic (SIL)2 nennt 1996 für die Emok (Toba-Emok) 630 An-gehörige (Volkszählung 1981). Sie sprechen hauptsächlich Toba, aber die Frauen sprechen zu Hause Lengua; Pflanzer, Fischer, Jäger, ausgestorben3.
Die Toba Qom zählen laut Summer Institut of Linguistic (1996) 700 Personen.

Verbreitungsgebiete der Toba (im Gebiet Mennoniten-Kolonie) und Toba Qom in Paraguay (Quelle: Censo Indigena 2002) /Karteneintragung: Bernd Wegener

Angehöriger der Toba Maskoy/ Enenlhet Toba, Gebiet der Mennoniten-Kolonie Menno Foto: Hartmut Heller/ RdN


In der Zeitschrift El Puente (Nov. 2005) der Deutsch-Paraguayischen Freundschaftsgesellschaft e.V. (DPFG/) werden nur noch die Toba Qom (5 Gemeinden) er-wähnt – vermischt mit anderen Völkern. Sie waren früher in der Tanin-Gewinnung des Argentiniers Carlos Casado tätig. Die Guaycurú-Muttersprache wurde von vielen aufgegeben. Sie sprechen das Lengua Guarani. – Anm.: Viele Toba wurden bei Volkszählungen, da sie kein Toba mehr sprachen, als Maskoy (Enlhet-Enenlhet) registriert. Auch das Plakat „Indigenas del Paraguay“ in der Enxet-Schule Redencion führte nur noch die Toba Qom als Vertreter der Guaycurú-Sprachfamilie. Sie sind nicht mit den Toba Maskoy zu verwechseln, da diese der Sprachfamilie der Maskoy angehören.
Der Indigene Paraguay Zensus 2022 nennt bei den Toba Maskoy/Toba Enenlhet 2.371 Angehörige in drei Gemeinschaften (dav. eine ohne Land, eine ohne Eigentumsurkunde).
Für die Qom (= Toba) – als letzte Vertreter der Guaycurú gibt es zwölf Gemeinschaften (dav. eine ohne Land, sieben ohne Eigentumsurkunden) mit 2.198 Personen.
Seitens der Emok werden nach dem Zensus 2022 keine Angaben mitgeteilt (was sich quasi mit der Info ausgestorben des SIL (1996) deckt).
Zur Situation der Toba Qom: Das Toba Qom-Volk sind die letzten Sprecher von Qom L’aqtaqa einer Sprache aus der Guaicurú-Sprachfamilie.
Am linken Ufer des Paraguay-Flusses, im Departamento San Pedro, befindest sich eine ihrer kleinen Gemeinden. Dort in Urukuy Villa del Rosario zeigt sich, dass die etwa 55 Familien auch heute noch immer Schwierigkeiten haben, sich an die Veränderungen der jüngeren Geschichte anzupassen. – Rückblick: Die Dorfbewohner in Urukuy Villa del Rosario sind Opfer der Zwangsvertreibungen des 19. und 20. Jahrhunderts, einer Periode, die von den entstehenden südamerikanischen Nationalstaaten geprägt war, die sich als politische Strukturen definierten und aufbauten, die kaum oder gar keinen Platz für die Völker ließen, die zunächst innerhalb ihrer neu erfundenen Grenzen lebten.
Erst 1994 erkannte der paraguayische Staat schließlich ein Gebiet von 154 Hektar als Toba Qom-Land an. Durch gemeinschaftliche Aktivitäten zwei Jahre später konnte es auf 2.777 Hektar erweitert werden. Heute leben die Toba Qom aus Villa Rosario überwiegend in zwei Dörfern inner-halb des offiziell ihnen gehörenden Gebiets: Palma, wo 37 Familien leben und Boquerón, das 26 Familien beheimatet. Ihre Hauptsprache ist nach wie vor Toba (Qom L’aqtaqa)4.
Eine reale Gefahr, die in Paraguay allgegenwärtig ist, dass die artenreichen Urwälder abgeholzt und – sofern sie nicht zu Großagrarland werden – durch forstwirtschaftliche Eukalyptus-Plantagen voller invasiver Arten ersetzt werden, die häufig auf dem Gebiet indigener Ethnien angepflanzt werden. Dies hat massiv-negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt, Bodengesundheit, Waldbrandgefahr und Grundwasserspiegel.
Genau das ist vor wenigen Jahren im Gebiet der Toba Qom im Chaco westlich des Rio Paraguay (Departamento Presidente Hayes) geschehen. Das Volk der Qom besteht dort aus 620 Familien, die sich auf acht verschiedene Gemeinden verteilen. Obwohl sie einen kollektiven Anspruch auf 1.117 Hektar des Chaco-Urwaldes haben, hat eine von einer privaten Stiftung geförderte Eukalyptusplantage die Gemeinschaft gespalten. Bernarda Pessoa, eine der lokalen indigenen Führerinnen, die sich zu dem Projekt äußerte und die Ausweitung der Eukalyptusplantage verhindern will, erhielt Morddrohungen5.

Literatur:
MÜLLER, W. (1984): Die Indianer Lateinamerikas, ein ethnostatistischer Überblick Berlin, 179 S.
Paraguay Censo Indigena 2022 (https://www.ine.gov.py/censo2022/ documentos/indigena/Presentacion%20censo%20indigena%20final.pdf)
REGEHR, W. (1979): Die lebensräumliche Situation der Indianer im paraguayischen Chaco, Basel, 436 S.
WEGENER, B. (2018): Gran Chaco – Die Wildnis stirbt, Auf den Spuren der letzten Waldindianer (2. Auflage), Selbstverlag, Ludwigslust, 352 S.
Bernd Wegener

1 Lokalgruppe = kleine soziale Einheit nahe verwandter Personen, die zusam-men an einem Ort wohnen.
2 Seit 2024: SIL Global, zuvor SIL International (WIKIPEDIA)
3 Anm.: Hervorgehobene Info zu den Emok (in: Ethnologue Americas, Paraguay; 13. Edition, 1996)

4 https://tierra.fimi-iiwf.org/en/toba-qom.html

5 https://www.fes.de/themen/klimawandel-energie-und-umwelt/cop27-entwaldung -in-paraguay-ein-vielschichtigesproblem