`Pygmäen`-Land – im untergegangenen Reich der kleinen Waldmenschen (Teil I)

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Vorbemerkung: Pygmäen[1] ist ein seit dem 19. Jahrhundert gebräuchlicher Sammelbegriff für eine Gruppe unterschiedlicher Ethnien, die sich durch ihre kleine Körpergröße gegenüber den sie umgebenden Bevölkerungen unterscheiden. Für die durchschnittliche Körpergröße setzte sich vor gut 100 Jahren bei Anthropologen der „Schmidt`sche“ Wert von < 1,5 m (`Pygmäen`-Männer) durch. Ethnien, die darüberlagen und als „Klein“ galten, nannte man Pygmoide[2].


Körpergrößendarstellung (v.l.n.r.: US-Amerikaner und Einheimische der Philippinen:  `Negrito`-Mischling (Bontoc?), `Negrito`); Foto: Lockyer, N., 1869/ Wikimedia; gemeinfrei

Motivation und Anlass – ein Rückblick:

Mein Engagement für Stammesvölker seit mehr als einem Vierteljahrhundert verdanke ich Hartmut Heller[3] († 2003). Insbesondere das Drama der Urvölker Südostasiens war für den Atomphysiker ein überaus wichtiger, ihn prägender Lebensinhalt. Ich bin ihm Anfang der 1990er Jahre das erste Mal bei seinem Vortrag über die `Negritos` der Philippinen und Malaysias in Ludwigslust begegnet. Wir wurden Freunde und gemeinsame Reisen führten uns nach Südamerika und Südostasiens. Für letztere Region kann man in Bezug auf Hartmut Heller feststellen, dass er wohl der beste Kenner und Freund der `Negritos` im ausgehenden 20. Jahrhundert war, die er damals seit 15 Jahren regelmäßig besuchte.

Dipuntian (Luzon / Philippinen) 2001: Hartmut Heller mit Negritos der Agta ; Foto: Bernd Wegener

1995 verfasste Hartmut Heller seine achtseitige Publikation „Negritos – das leise Sterben der kleinen Menschen des Waldes“. Seine Beschreibung der brutalen Situation dieser Ureinwohner Südostasiens mündete in einem Aufruf zur Hilfe für diese Menschen. Leider ergebnislos …

Mit diesem Artikel schließe ich an obige Publikation an, gehe jedoch inhaltlich und geografisch darüber hinaus.

Das Zusammentreffen mit anderen Völkern, die in den Lebensraum `pygmäenhafter` dunkelhäutiger Urvölker[4] eindrangen, wurde für diese Menschen zu einem Desaster, das bis ins Heute reicht. Es ist gezeichnet von einer massiven Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen, verursacht im Verbund von Wirtschaft, Politik und Behörden – egal, ob in Afrika, Asien oder Australien/ Ozeanien.

Erst am Ende des 20. Jahrhunderts begannen sich diese Regenwaldvölker der Tropen zu artikulieren und zu wehren. Sie haben erkannt, dass sie nur im gemeinsamen Handeln vielleicht eine Chance zum Überleben besitzen. Heute machen die Senoi auf der malaiischen Halbinsel Malakka auf sich aufmerksam, denn sie leisten zunehmend Widerstand gegen die Zerstörung ihrer Lebensräume und Kulturen.

Sieht man von den `Pygmäen` Ozeaniens ab, haben sie eines gemeinsam: Sie sind (oder waren) Jäger und Sammler. Aufgrund ihrer geringen Populationszahl, in anthropologischer und teilweise auch in sprachlicher Sicht unterscheiden sie sich von der sie umgebenden Mehrheitsbevölkerung. Man sieht diese Ethnien als Nachkommen einst weiter verbreiteter Populationen an.So wie ihre Lebensräume degradier(t)en, so befinden auch sie sich in verschiedenen Stadien des kulturellen Verfalls. Mehrere von ihnen sind inzwischen ausgestorben, und dass oft erst in jüngster Vergangenheit.

Ich folge den Spuren dieser Menschen von Afrika über den Bogen der sich vom südostasiatischen Festland mit dem anschließenden Malaiischen Archipel bis in den Nordosten Australiens erstreckt.



[1] Griechisch Pygmaĩos = eine Faust lang (https://www.duden.de/rechtschreibung/Pygmide)

[2] Nach Dr. W. Schmidt (1868-1954); kath. Priester, Anthropologe, Ethnologe

[3] Gründer der Menschenrechtsorganisation Freunde der Naturvölker e.V. (seit 2017: Rettet die Naturvölker e.V.)

[4] Darunter sind jene `Pygmäen`-Ethnien zu verstehen, die neben ihrer kleinen Körperstatur, eine dunkle Hautfarbe und krause/lockige Haare haben. Somit scheiden jene aus, die zu mongoliden Völkern gehören. Diese sind relativ hellhäutig und glatthaarig – so die fast ausgestorbenen Tarong im Norden Burmas, aber auch die südamerikanischen `Pygmäen`, wie der Yupa (Kolumbien).