Land ohne Böses? Der Kampf der Guarani von Maricá

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Ein Beitrag von Reiner Ginolas

„Immer wieder schiebt man uns beiseite, als wären wir ein Hindernis“ (Suana Takua, Sprecherin der Guarani)

Was passiert, wenn ein heiliger Ort zur Marketing-Kulisse wird? In Maricá zeigt sich dieser Konflikt derzeit in seiner schärfsten Form.

Das für die Guarani Heilige Land sieht sich mit den Interessen eines internationalen Investorenkonsortiums konfrontiert, das im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro bei Maricá einen Hotelkomplex errichten will. Versprochen werden „Luxus und Exklusivität“ an einem Ort, an dem man „wahres Glück“ genießen kann, inklusive Wellness-Studios und Golfplatz. Das Touristenzentrum, dessen Bauvorhaben in einer ökologisch sensiblen Küstenlandschaft umgesetzt werden soll, bewirbt ihr Projekt mit dem von den Guarani entlehnten Begriff „Land ohne Böses“ – ein Begriff, mit dem sie genau das bedrohen, was die Guarani bewahren wollen: Das spirituelle Gleichgewicht zwischen Menschen, Natur und Gemeinschaft – nicht die Marke eines milliarden-schweren Luxusprojekts.

Rotschrafiert: durch Tourismusgroßprojekt bedrohte Naturlandschaft; Gelbmarkiert Guarani-Siedlung Lufbildbearbeitung: Bernd Wegener

Ein Weg gezeichnet von Vertreibungen

Die Gemeinschaft war bereits früher existenziellen Bedrohungen ausgesetzt. Bevor sie in Maricá eine Heimat fand, lebte sie in der Region von Niterói. Dort zerstörte ein Feuer ihre Siedlung – ein Ereignis, das nach Aussagen aus dem Umfeld kein Zufall war. Ohne Obdach und in feindseliger Umgebung mussten sie fliehen. Zurück blieb nicht nur der Verlust ihrer Häuser, sondern die bittere Erfahrung, wie verletzlich ihre Lebens-weise in der modernen Welt ist.

2013 schien sich das Blatt zu wenden: Die Stadt Maricá bot Unterstützung, und die Gemeinschaft ließ sich an einem neuen Ort nieder. Schritt für Schritt entstand ein Raum, in dem Sprache, Traditionen und das Wissen der Vorfahren wiederauflebten. Doch mehr als ein Jahrzehnt später steht dieser mühsam geschaffene Ort erneut unter Druck. Die Entwicklungen in der Region wecken die bange Frage, ob ihr neues Domizil wieder zur Unsicherheit wird.

Wohnbehausung in der Guarani-Siedlung Tekoa ka’aguy (Aldea Mata Verde Bonita)

Zwei Welten im Konflikt

Lokale Behörden und engagierte Initiativen bieten Unterstützung, doch sie ist oft nur punktuell. Während Großprojekte Millionen bewegen, fehlt es der Gemeinschaft am Nötigsten: stabile Dächer, Baumaterialien und sichere Lebensbedingungen. Während die Stimmen der Guarani Schwierigkeiten haben, sich Gehör zu schaffen, wächst zugleich das Bewusstsein für ihre Bedeutung. Musiker, Künstler und Intellektuelle weltweit erheben ihre Stimme, um die Guarani hörbar zu machen. Ihre Unterstützung zeigt: Die Fragen, die dieses Volk bewegt, sind universell – es geht um Identität, um den Schutz der Natur, um die Würde des Menschen. Einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands, Peter Maffay, äußerte sich auf meine Frage, ob wir von der Denkweise indigener Kulturen, wie der der Guarani, etwas lernen können:

„Ich durfte auf meinen Reisen indigene Völker kennenlernen, und diese Begegnungen haben mich tief beeindruckt. Vor allem ihr Sinn für Gemeinschaft, ihre Nähe zur Natur und die selbstverständliche Rücksicht auf andere sind etwas, wovon wir viel lernen können. Was man über die Guarani erfährt, lenkt den Blick auf ein Leben in Balance, Achtung und Gegenseitigkeit – zwischen Menschen und der Natur, die sie umgibt. Darin zeigt sich auch eine Demut vor dem Leben, die an etwas Wesentliches erinnert: an Maß, Respekt und Verbundenheit.“

Die Worte von Peter Maffay stehen nicht allein. Auch Aysanabee von den Oji-Cree aus Kanada, mehrfach musikausgezeichnet, antwortete auf meine Frage, ob die Weltanschauungen indigener Kulturen Antworten auf die Fragen unserer Zeit geben können. Die gegebene Antwort öffnete den Blick über Maricá hinaus und machte deutlich, dass es nicht nur um ein bedrohtes Stück Land geht, sondern um die Haltung einer ganzen Menschheit gegenüber ihrer Erde:

„Indigene Völker sind Menschen wie alle anderen. Ich denke, wir als Kulturgruppe sind unseren Wurzeln näher, weil wir uns stärker mit den Lehren der Natur verbunden fühlen und Mutter Erde als lebendiges Wesen betrachten, das Fürsorge braucht. Es steht außer Frage, dass wir als Spezies unseren

Planeten zerstören. Das ist eine drängende Thematik, die oft verdrängt und häufig vom Kapitalismus angeführt wird. Wir fördern Diamanten und Gold, doch Pflanzen und die Elemente, die das Leben erhalten, sind letztendlich das Wertvollste in unserem Universum.“

Ich danke Peter Maffay und Aysanabee für ihre Unterstützung dieses Artikels und für ihre einfühlsamen Worte, mit denen sie Respekt für eine Minderheit bekunden. Dadurch wird dieser Beitrag mehr als bloße Information – er wird zu einem emotionalen Zeichen der Verbundenheit. Und ich weiß, dass Häuptling Tupa ihre Worte schätzen wird.

Aufforstungsaktion der Guarani von Marica. Alle Fotos: Reiner Ginolas

Wer dazu beitragen möchte, dass diese Gemeinschaft in Maricá ihren nachhaltigen Weg fortsetzen kann, hat die Möglichkeit, sie konkret zu unterstützen (Kennwort: Guarani, Marica; Spendenkonto Rettet die Naturvölker e.V. : Postbank Hamburg; IBAN: DE80 2001 0020 0006 1962 05; BIC (SWIFT): PBNKDEFF).