Social Media Seminar für RdN.e.v. an der Universität Lüneburg

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Kind der Nivacle

Social Media Seminar für RdN.e.v.

Im Wintersemester 2025/26 fand an der Leuphana Universität Lüneburg ein Seminar statt, bei dem die Studierenden lernen, Social Media Inhalte zum Thema Naturvölker zu erstellen. Das Seminar wurde von Steffen Keulig, dem ehemaligen Vorsitzenden von RdN geleitet. Steffen ist Filmemacher und freier Dozent an der Leuphania Universität Lüneburg. Die Studierenden erstellen Reels zu unterschiedlichen Themen und Projekten von RdN.e.v. Die Reels werden auf Facebook, Instagram und Tiktok veröffentlicht. Speziell untersucht wurde die Situation des Volkes der Nivacle in Paraguay

Indigene Völker-die ältesten kulturellen Gemeinschaften der Welt

Indigene Völker zählen zu den ältesten kulturellen Gemeinschaften der Welt und prägen bis heute die gesellschaftliche, kulturelle und ökologische Vielfalt vieler Regionen. Sie verfügen über lange Traditionen, eine tiefe Verbundenheit zur Natur und besitzen zudem eigene Sprachen. Diese Völker sind die ursprünglichen Bewohner der einzelnen Kontinente und haben es trotz Kolonialisierung und Unterdrückung geschafft, ihre Identität zu bewahren. Viele Aspekte der heutigen Gesellschaft beruhen auf Wissen, Ressourcen oder Technologien, die von indigenen Völkern stammen. Darüber hinaus wurde der Wohlstand vieler westlicher Länder durch Kolonialisierung und Ressourcenabbau in diesen Gebieten geschaffen. Gerade in diesem Zusammenhang ist ihr Schutz und ihre Anerkennung auch in der modernen, westlich orientierten Welt angebracht und notwendig, um Strukturen wie kulturelle Vielfalt und die Bewahrung von Menschenrechten zu erhalten und den indigenen Völkern etwas zurückzugeben. Doch für die westliche Welt sind diese Völker oft unsichtbar, dabei werden sie durch Landraub und Umweltzerstörung, politische und wirtschaftliche Interessen, kultureller Assimilation, Klimawandel und durch Diskriminierung stark bedroht. So auch unser untersuchtes Volk, die Nivaclé. Sie leben in Südamerika, genauer gesagt im Gran Chaco in Paraguay. Ihre Kultur, Ernährung und Spiritualität sind seit Jahrhunderten eng mit dem Pilcomayo-Fluss verbunden, der ein ökologisch wichtiges Feuchtgebiet bewahrt, aber immer mehr akut bedroht ist. (Jan Niklas Tietje)

Die Situation indigener Gemeinschaften wird in der internationalen Forschung seit einigen Jahrzehnten verstärkt im Zusammenhang mit Fragen von Nachhaltigkeit, Umweltgerechtigkeit und globalen Transformationsprozessen diskutiert, besonders in Regionen, wo wirtschaftliche Landnutzung, politische Machtverhältnisse und ökologische Veränderungen direkt aufeinandertreffen. Der Gran Chaco in Südamerika ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel, denn hier werden Konflikte um Land, Ressourcen und politische Teilhabe auf eine Weise sichtbar, die viele indigene Gemeinschaften gleichermaßen betrifft. Die Lage der Nivaclé steht exemplarisch für diese Entwicklungen und macht deutlich, wie untrennbar ökologische Zerstörung und politische Machtlosigkeit miteinander verbunden sind.

Vernichtung des Trockenwaldes im Gran Chaco, Lebensraum der Nivacle und der Ayoreo

Für eine wissenschaftliche Einordnung dieser Problemlage ist der Nachhaltigkeitsdiskurs relevant. Nachhaltigkeit wird dabei nicht nur als ökologische Frage verstanden, sondern als Konzept, das ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen miteinander verbindet. Häufig wird in diesem Zusammenhang auf die Definition der Brundtland-Kommission verwiesen, nach der nachhaltige Entwicklung die Bedürfnisse der Gegenwart erfüllt, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefährden. Dieser Ansatz greift jedoch zu kurz, solange er Fragen sozialer Gerechtigkeit und globaler Machtverhältnisse ausblendet, was die neuere Forschung zunehmend anerkennt.

Gerade im Kontext indigener Gemeinschaften wird Nachhaltigkeit deshalb zwingend mit dem Konzept der Umweltgerechtigkeit verknüpft, das danach fragt, wie Umweltbelastungen und der Zugang zu natürlichen Ressourcen innerhalb von Gesellschaften verteilt sind. Die Antwort ist eindeutig: Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit treffen überproportional jene Gruppen, die politisch oder wirtschaftlich marginalisiert sind und indigene Gemeinschaften gehören in vielen Teilen der Welt genau zu diesen Gruppen. Zugleich verfügen sie häufig über tiefgreifendes Wissen über lokale Ökosysteme und nachhaltige Formen der Ressourcennutzung, das in politischen Entscheidungsprozessen systematisch ignoriert wird. Eng damit verbunden ist der Begriff des Territoriums. In der Forschung zu indigenen Gemeinschaften meint Territorium weit mehr als einen physischen Raum, es ist Grundlage sozialer Organisation, kultureller Praxis und kollektiver Identität zugleich. Land sichert wirtschaftliche Aktivitäten, den Zugang zu Wasser und Nahrung und ist untrennbar mit kulturellen Praktiken und Wissenssystemen verbunden. Territorialer Verlust ist deshalb keine abstrakte Einschränkung, sondern ein Angriff auf die Existenzgrundlage einer Gemeinschaft. Der Gran Chaco verkörpert diesen Konflikt in besonderer Weise. Einerseits ist es ein Gebiet von hoher ökologischer Bedeutung und enormer Biodiversität, andererseits hat sich die Region in den vergangenen Jahrzehnten zu einem zentralen Standort industrieller Landwirtschaft entwickelt. Vor allem die Produktion von Rindfleisch und Soja hat zu einer massiven Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen geführt, die regelmäßig mit Entwaldung, veränderten Wasserläufen und einer zunehmenden Fragmentierung von Lebensräumen einhergeht. Was auf internationalen Märkten als wirtschaftlicher Erfolg gilt, bedeutet für die dort lebenden Gemeinschaften den schrittweisen Verlust ihrer Lebensgrundlage. In der wissenschaftlichen Literatur wird das als Beispiel für die wachsende Einbindung lokaler Räume in globale Wirtschaftsstrukturen gelesen. Die steigende internationale Nachfrage nach Agrarprodukten macht Regionen wie den Gran Chaco zunehmend attraktiv für exportorientierte Produktion und erzeugt damit Konflikte zwischen wirtschaftlichen Interessen, staatlicher Landpolitik und den Lebensweisen lokaler Gemeinschaften. Indigene Gruppen befinden sich in diesen Auseinandersetzungen strukturell in einer schwächeren Position, weil ihnen politische und wirtschaftliche Ressourcen fehlen, um sich effektiv zu behaupten.

Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis historisch gewachsener, ungleicher Verhältnisse.

Die Situation der Nivacle

Die Situation der Nivaclé illustriert das konkret. Historisch lebte die Gemeinschaft in einem weitläufigen Gebiet des Gran Chaco mit Zugang zu verschiedenen natürlichen Ressourcen. Besonders wichtig war dabei der Pilcomayo Fluss, der für Ernährung, Mobilität und soziale Organisation eine tragende Rolle spielte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor das Volk jedoch große Teile seines ursprünglichen Territoriums durch militärische Expansion, staatliche Grenzkonflikte und die Ausbreitung nicht indigener Siedler. Was als politischer und wirtschaftlicher Prozess beschrieben werden kann, war für die Nivaclé der Beginn einer bis heute andauernden Verdrängung. Dieser Landverlust wirkt bis heute nach. Ein Großteil des ehemaligen Lebensraums der Nivaclé befindet sich inzwischen unter der Kontrolle nicht indigener Akteure, wodurch nicht nur Land, sondern auch der Zugang zu traditioneller Jagd, Fischerei und Anbaugebieten verloren ging. Die Folgen für die Möglichkeit, die bisherige Lebensweise fortzuführen, sind direkt spürbar. Verschärft wird diese Lage durch den fortschreitenden ökologischen Wandel der Region. Der Gran Chaco gehört heute zu den Gebieten mit den höchsten Entwaldungsraten weltweit, und die Ausweitung der Agrarindustrie hat in vielen Bereichen zur Zerstörung von Waldflächen geführt. Böden, Wasserhaushalt und Biodiversität sind davon gleichermaßen betroffen und damit auch die ökologischen Grundlagen traditioneller Lebensweisen. Denn die Subsistenzwirtschaft der Nivaclé, die auf Jagd, Fischerei, Sammeln und kleinräumiger Landwirtschaft basiert, setzt funktionierende Ökosysteme voraus. Wenn Wälder verschwinden und Gewässer degradieren, verlieren diese Wirtschaftsformen ihre materielle Basis, und mit ihnen ein ganzes System kultureller und sozialer Praxis.

Die politische Dimension komplettiert dieses Bild. Zwar sind indigene Gemeinschaften in vielen lateinamerikanischen Staaten formal anerkannt, in der Praxis werden ihre Rechte jedoch häufig nicht konsequent durchgesetzt. Das gilt insbesondere für Landrechte. Ohne rechtlich gesicherten Zugang zu ihrem Territorium sind indigene Gemeinschaften besonders anfällig für Enteignung und den Druck externer wirtschaftlicher Akteure. Entscheidungen über Landnutzung oder Infrastrukturprojekte fallen meist auf staatlicher Ebene, ohne dass betroffene Gemeinschaften ausreichend einbezogen werden. Formale Anerkennung ohne reale Durchsetzung ist keine Lösung, sie ist Teil des Problems. Was die Forschung als strukturelle Marginalisierung beschreibt, zeigt sich hier in konkreten Machtverhältnissen: Indigene Gemeinschaften haben weniger politischen Einfluss und weniger Zugang zu institutionellen Entscheidungsprozessen, was es externen Akteuren erleichtert, ihre Interessen durchzusetzen. Gleichzeitig belegen viele Studien, dass genau diese Konflikte um Landrechte für nachhaltige Entwicklung von grundlegender Bedeutung sind. Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, kommt an diesen Fragen nicht vorbei.

Die Lage der Nivaclé ist damit kein regionales Randphänomen, sondern berührt Kernfragen des Nachhaltigkeitsdiskurses und der Transformationsforschung. Letztere fragt danach, wie gesellschaftliche Veränderungen gestaltet werden können, um ökologischen und sozialen Herausforderungen zu begegnen, und betont dabei, dass nachhaltige Entwicklung ohne soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe strukturell nicht möglich ist. Indigene Perspektiven gewinnen in diesem Rahmen zunehmend an Gewicht, weil sie nicht nur Wissen über nachhaltige Ressourcennutzung einbringen, sondern auch zeigen, wie eng ökologische Krisen mit Machtstrukturen verflochten sind. (Mira Devollaj)

Der Text dieses Artikels wurde von den Teilnehmern des Seminars erstellt.