ARTE-Film „Im Herzen des Gran Chaco“ – kritische Anmerkungen

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Dieser Teil (ca. 45 Min.) berichtet über Paraguays westlichen Landesteil.

Anmerkungen zur Estancia Playada: Um 1900 war die Region im Dreieck zwischen Rio Paraguay und Rio Pilcomayo Lebensraum der Emok-liklik / Toba-miri. Der ebenfalls um 1900 weitgehend abgeschlossene staatliche Bodenverkauf im Chaco bildete die Grundlage für die fortschreitende Estancienwirtschaft. Deren Betriebe entstanden zuerst in der Überschwemmungszone des Paraguay und seiner Nebenflüsse (Regehr 1979)[1]. – Somit auch dort, wo sich die Estancia Playada befindet.

Auch wenn die Estancia lobenswerter Weise ökologisch wirtschaftet und keine Rodungen in der Caranday-Palmensavanne tätigt, beruht der Grundbesitz auf geraubtem indigenem Land.

Anmerkungen zum Trockenen Chaco (incl. Mennonitenkolonien): Laut Sprecher war der Chaco „lange Zeit ein nahezu menschenleeres Gebiet, so groß wie das Vereinigte Königreich, aber mit weniger Einwohnern als eine deutsche Kleinstadt. … In den 1920ern kamen Mennoniten. … Einsamkeit und Weite prägten den Alltag.“ Zur 1947 gegründeten Kolonie Neuland erfährt der Zuschauer, dass nach den Mennoniten die Nivaĉle folgten und danach spanisch sprechende Paraguayer. Es wird über die Agrarwirtschaft der Mennoniten informiert (u.a. auch Farmen mit >1.000 Rindern). Das hat sie zum führenden Exporteur von Rindfleisch gemacht. Möglich wurde dieses durch das von ihnen entwickelte Regenwasserspeichersystem, um die Trockenzeit zu überbrücken. „Solche Systeme machen den Chaco erst dauerhaft bewohnbar“ heißt es weiter. – Kein Wort an die Zuschauer, wer vor den Mennoniten dort lebte. Es waren die semi-nomadischen Enlhit (Lengua Northe). 1947, mit der Gründung der Mennoniten-Kolonie Neuland, verloren sie endgültig ihr Land (nachdem die Kolonien „Menno“ (1927) und „Fernheim“ (1930) errichtet waren), das seit Generationen ihr Wohn-, Sammel-, Jagd- und Rückzugsgebiet war.

Es war für die mennonitischen Eindringlinge leicht gewesen, das Land der Enlhit zu erwerben. Ein Mandat der Enlhit war nicht nötig. Sie zählten ohnehin nicht und hätten auch nicht verstanden, was die Invasoren und der Staat Paraguay ihnen antaten, indem die Mennoniten ein Stück Papier mit dem Titel „Landbesitz“ für sogenanntes freies Staatsland erwarben bzw. von Großgrundbesitzern kauften.(2)

Enlhit-Kind, Yalve Sanga Foto: Bernd Wegener

Heute zählen die Enlhit ca. 9.000 Personen und leben marktabhängig in Kleinstreservaten (comunidades) im Bereich der Mennoniten-Kolonien. – Wenn man schon die Enlhit im Beitrag negierte, wurde wenigstens an die Fauna gedacht: „Auch für Wildtiere verändert sich der Lebensraum. Agro-Boom, Wilderei und illegaler Handel mit Exoten bedrohen das fragile Gleichgewicht.“ 

Rinderweide / Kunstweide mit Afrikanischen Büffelgras der Mennoniten auf gerodeten Quebracho-Trockenwald Foto: Bernd Wegener

„Wie man das Land nutzbar macht, haben sich die Mennoniten in einem Jahrhundert des Überlebens erarbeitet. Sie haben den kargen Boden fruchtbar gemacht.“ –  Fakt ist, das Mitte der 1970er Jahre die Mennoniten bereits 50 Bulldozer für Rodungen besaßen und damit täglich bis zu 100 Hektar Urwald für Weideland vernichteten. Sie bewirtschaften um die Jahrtausendwende ca. 11.000 km² Land und haben inzwischen den Besitz vergrößert. Und sie sind nicht die Einzigen im Vernichtungsfeldzug gegen die Naturlandschaft im Chaco, denn auch kapitalstarke Deutsche, Paraguayer, Brasilianer und andere ausländische Investoren sind überaus aktiv und haben die Grundstückspreise explodieren lassen beim großen `Run` auf Land.

Einfahrt zum Mennoniten-Schlachthof, wo täglich 900 Rinder im Akkord geschlachtet werden Foto: Bernd Wegener

War in den 1950er Jahren der Hektar noch unter einem halben Dollar zu erwerben, lag der Preis Ende der 1990er Jahre bei 30 US$, in sehr abgelegenen Gebieten bei etwa 10 US$. Heute sind Preise von 1.000 US$ pro Hektar die Realität. Diese Preisspirale macht es nahezu unmöglich, neben der Parzellierung, die schon früher zu enormen zusätzlichen Schwierigkeiten führte – wenn dringend große, zusammenhängende Flächen für Naturschutz oder für das Überleben von Indigenen Gemeinschaften benötigt werden – Flächen für vorgenannte Zwecke zu erwerben. Obwohl der Staat durch seine Politik diese Misere selbst erzeugt hat, zeigte er bislang kaum Interesse, die von seinen indigenen Völkern geforderten Ländereien bereit zu stellen und somit einen effektiven Beitrag zur Sicherung einer ausreichenden Lebensgrundlage für die Ureinwohner zu schaffen. Geradlinig und rechtwinklig ist die einstige Chaco-Wildnis heute von Wegen, Schneisen und Viehfarmen durchzogen. Der Gran Chaco gehört zu den Gebieten mit der weltweit höchsten Waldzerstörungsrate. Maximalwerte erreichten >2.200 ha/Tag. Im Februar 2014 betrug die abgeholzte Fläche im Chaco Paraguays etwa 2.539.000 Hektar. Das bedeutet einen Waldverlust von 544 % im Verlauf von neun Jahren. Allein zwischen Dezember 2012 und Februar 2014 wurden insgesamt 442.450 Hektar Waldlandschaft in Agrarland umgewandelt. Das heißt, innerhalb von 14 Monaten verschwand fast die gleiche Landfläche wie zwischen 1927 (dem Jahr der Ankunft der ersten mennonitischen Siedler in der Kolonie Menno) und 2004, also in einem Zeitraum von 77 Jahren. Diese rasche Umwandlung durch das Agro-Business ist nicht nur durch ihr Ausmaß gekennzeichnet, sondern auch durch eine extreme Zerstückelung der Wälder. Ein großer Teil der verbleibenden Waldflächen bestehen aus kleinen Inseln von wenigen Hektar (eine Auflage des Umweltschutzes) und Windschutzstreifen von höchstens 100 Metern Breite.

Das Luftbild belegt die radikale Vernichtung der Chaco-Urwälder für Rinderweiden (Helle Flächen); Rotumrahmte Flächen: Wildnisschutzgebiete

Anmerkungen zu den Nivaĉle (im Umfeld der Mennoniten-Kolonien): „Für Hermann Fuchs vom Volke der Nivaĉle beginnt der Arbeitstag auf seiner eigenen Ranch. Viehzucht war einst fremd in seiner Gemeinschaft. Was er von seinem Patron Hans-Peter Franz gelernt hat, setzt er nun mit eigener Herde um, gemeinsam mit anderen Familien.“ – Die Nivaĉle waren vor die Kolonisierung semi-nomadische Sammler, Jäger und Fischer. Daneben legten sie kleine Felder an und besaßen Vieh, insbesondere Schafe und Ziegen, aber auch Rinder und Pferde. Durch Zwischenhandel und Raub waren sie seit dem 17. / 18. Jahrhundert in den Besitz dieser Tierarten gelangt. – Sie waren folglich eine Ethnie, die Viehzucht betrieb – und nicht wie im Filmbericht mitgeteilt, dass die Mennoniten ihnen dieses erst beibrachten. Dem schwedischen Anthropologen/Ethnograf Erland Nordenskiöld zufolge, der ab 1908 unter ihnen forschte, waren die Subsistenzwirtschaft betreibende Nivaĉle wohlhabend. In einem ihrer Flussdörfer hatten deren Bewohner „etwa 200 Pferde, Maulesel und Esel, davon viele Stuten und Füllen, sowie über 500 Schafe und Ziegen, Hühner und Katzen und eine unzählige Menge Hunde“ (W. Regehr, 1979).

Dorf der Nivaĉle im Gran Chaco, Rio Pilcomayo (Region); Foto: E. Nordenskiöld, 1908 – es belegt den Viehreichtum der Nivaĉle und zeigt, dass sie Pferde reiten konnten (und nicht erst „von den Mennoniten erlernten“, wie im Film berichtet.)

Die Situation der Nivaĉle in Campo Alegre ist nicht gleichbedeutend für die Ethnie. Trotz christlicher Massentaufen in den Kolonien durch die mennonitische Mission fristeten viele Nivaĉle (wie andere Ethnien dort auch) ein Leben in Armut, Landknappheit und Überfüllung bis in die Gegenwart. So zeigten die Basisdaten der Communidad Ca-yin’ö’Clim im städtischen Umfeld von Filadelfia (Hauptstadt Departamento Boqueron sowie der Kolonie Fernheim) für ihre ca. 1.600 Einwohner (412 Familien) u.a. eine Arbeitslosigkeit von 51 %, eine Armutsquote von 56 %, und 15,6 % in extremer Armut, schlechter Wasserversorgung und einer Überbelegung von 57 %. Ähnliche Verhältnisse, z.T. noch gravierender, sind die Zahlenangaben aus der Nivaĉle-Communid Uj`e` Lhavos (Tierra Libre 2020)[3].

Tierra Libre zufolge besitzen die Nivaĉle heute nur noch zwei Prozent ihres ehemaligen Territoriums. Fast ihr gesamter früherer Lebensraum ist von nicht-indigenen sozialen Gruppen besetzt worden.


[1]Regehr, W.: Die lebensräumliche Situation der Indianer im paraguayischen Chaco – Humangeographisch-ethnologische Studie zu Subsistenzgrundlage und Siedlungsform akkulturierter Chacovölker, Basler Beiträge zur Geographie, Heft 25, 1979


[2] Wegener; B. (2018): Gran Chaco – Die Wildnis stirbt, Auf den Spuren der letzten Waldindianer (2. Auflage), Selbstverlag, Ludwigslust, 352 S.

[3] Tierra Libre: Fragmentierte Kulturen – verstädterte indigene Bevölkerungen im zentralen Chaco, in: Naturvölker, Heft Nr. 93, Ludwigslust 2020


Titelbild: Bulldozer (Planierraupe) bei Chaco-Urwaldrodung Foto: Bernd Wegener