Einer, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der intensiven Sehnsucht der Guarani nach dem „Land ohne Schlechtes / Böses“ konfrontiert wurde, war der im thüringischen Jena geborene Curt Uncel. Er war 1903 nach Brasilien ausgewandert (auch um dem Militärdienst zu entgehen). Dort wurde er trotz fehlendem Stu-dium zum anerkannten Indianerforscher und Freund der Ureinwohner, der unter den Tucuná am oberen Amazonas starb – „aus Liebe zu Ihnen und zur Wissenschaft der Völkerkunde“ (E. Lips, 1966).
1905 war der damals zweiundzwanzigjährige Curt Uncel auf die Guarani-Gruppe der Apapocúva im Hinterland im Bundesstaat São Paulo gestoßen. Diese lebten dort zurückgezogen im damals noch üppig bewaldeten Hügelland. Unter ihnen fand er schließlich seine neue Heimat und erlebte die tiefe mythologische Spiritualität seiner neuen Familie, Er war 2007 dort dem Tode nah, überlebte trotz Auszehrung, Ruhr und Malaria, wurde zu dem, den sie Nimuendajú nannten und war dadurch einer von ihnen.
Das Leid, dass die europäische Conquista diesen Menschen beschert hatte, war maßgeblich für ihren Stammesverfall, hatte zu Pessimismus und Verlust in das Vertrauen in die Zukunft geführt. All dies fand in ihren Geschichten seinen Niederschlag. So auch in dem Mythos von der Entstehung der Welt und ihres bevorstehenden Unterganges. Diese Katastrophe wird eingeleitet von Fledermäusen, welche die Sonne verzehren. Durch die Finsternis steigt singend der blaue Jaguar vom Himmel herab und tötet die Menschheit. Im Westen bricht der große flammende Erdbrand aus, dem die große Flut folgt. – Um all dem zu entgehen bleibt nur die Flucht in Richtung Osten, dorthin wo die Sonne aufgeht. Um ihr Ziel zu erreichen, mussten sie hindurchgehen (durch das Meer), denn das Ziel ist der Jabotica-Hain, dort wo Ňandecys Haus ist. Es gibt dort alles, was man braucht: Pflanzungen und Bananen, gutes Wasser, süßes Maisbrot und im Wald leckeren Honig. Ňandecy ist voller Güte gegenüber den Neuankömmlingen, denn nur dort sind sie sicher – im Gegensatz zur Erde, wo der Tod alle Menschen auslöscht.

Guarani-Familie um 1910 Fotograf unbekannt/ Wikipedia; gemeinfrei
Aufmerksam hatten schon in der Vergangenheit ihre Medizinmänner (Pagés) die Naturerscheinungen auf Anzeichen des bevorstehenden Weltuntergangs beobachtet. Sie hatten sich in Trance versetzt und ihre Stammesgenossen zum Aufbruch gerufen. Immer wieder wurden deshalb die ursprünglichen Wohnsitze der Gemeinschaften verlassen, um sich in Richtung der aufgehenden Sonne auf den Weg zu begeben. Denn dort lag das „Land ohne Schlechtes“. Es war ein Weg voller Widrigkeiten, der mitunter Jahrzehnte dauerte, wo man Gefahr lief, von den kolonisierenden Bandeirantes (Paulistaner) versklavt zu werden. Ganze Gruppen, die diesen verhängnisvollen Weg gingen, wurden durch Krankheiten dezimiert oder ausgelöscht und kamen nicht an, dorthin, wohin es sie mächtig zog.
Zu Nimuendajús Zeiten waren zwar die meisten Guarani der Meinung, dass sie auf Grund der Einflüsse durch die Europäer das „Land ohne Schlechtes“ im Gegensatz zu ihren Ahnen für sie nicht mehr erreichbar sei. Durch die Nutzung europäischer Kleidung und Nahrungsmittel (mit dem Unvermögen des Verzichts) ist der Weg seitdem versperrt. Trotzdem trieb es auch damals noch immer wieder Gruppen nach Osten.
1912 traf Nimuendajú nur 13 Kilometer westlich São Paulo auf einen kleinen Trupp von Guarani aus Paraguay. Es waren „echte Waldindianer mit Unterlippenpflock, Pfeil und Bogen, unkundig der portugiesischen Sprache und nur wenig spanisch sprechend. Ursprünglich eine große Gruppe, die auf sechs Personen geschrumpft war. Ein Kind starb in der Nacht.“ – Sein Versuch, sie in Abstimmung mit dem Indianerschutzdienst Servico de Protecã dos Indios (SPI) in die Araribá-Reservation anzusiedeln, war nur wenige Wochen Erfolg beschieden. Sie verschwanden vermutlich in Richtung Osten …

Pai Tavitärã (Guarani) mit Tembeta Lippenpflock (Naturkundemuseum im Botan. Garten/ Zoo Asunción) Foto: H. Heller/ RdN
Literatur: Menchén, Georg: Nimuendajú Bruder der Indianer, 2. Aufl., Leipzig 1979
Guarani-Land heute: Alle folgenden Fotos: Bernd Wegener

Im Griff der Zivilisation: Mato Grosso do Sul (Großer Wald des Südens): Die dortigen Cerradão-Wälder sind so gut wie ausgelöscht für das Agro-Bussines

Brennender Regenwald südl. Yby Yau 1998

Sägewerk im.Departamento Conceptión (m.): In nur einer Stunde zählten wir 5 gro-ße LKWs mit Hänger voller Tropenholzstämme

Favela (Slum) bei São Paulo
Fazit: Die Regen- und Cerradão-Wälder (s. Titelbild) im Guarani-Land sind nur noch Relikte. Das „Böse“ wurde wahr …
RdN unterstützt deshalb die Guarani in Maricá (brasilianischer Bundesstaat Rio de Janeiro) damit sie ihren nachhaltigen Weg fortsetzen können und ihr Land nicht einem Giga-Tourismusprojekt zum Opfer fällt. Wir hoffen uch auf Ihre Spende (Kennwort: Guarani Marica; Konto: Postbank Hamburg; IBAN: DE80 2001 0020 0006 1962 05).
